JOACHIM RAUCH


 Kunst entsteht im Auge des Betrachters        Wann ist ein Kunstwerk fertig?      
 

Kunst entsteht im Auge des Betrachters

Den magischen Moment vor einem Kunstwerk zu stehen und davon persönlich betroffen zu sein, kennt jeder.
Man spürt, wie die eigenen Saiten zu klingen beginnen und wird durch das Werk gefangen.
Der schaffende Künstler und der aufnehmende Betrachter kommunizieren offensichtlich über das Kunstwerk miteinander.

Also eine typische Sender-Empfänger-Situation?
Nicht ganz, da auch der Sehende bei dem Vorgang einen ausgesprochen aktiven Part einnimmt.
Jeder, der sich einige Stunden in einem Museum oder in einer Galerie aufgehalten hat, weiß, wie an- strengend Sehen sein kann.

Was passiert da eigentlich?
Der Betrachter folgt der Psychologie der mensch- lichen Wahrnehmung, ein über die Evolution gelernter komplexer Prozess, der über Musterer- kennung, assoziative Wahrnehmung und weitere Elemente der visuellen Informationsverarbeitung funktioniert (eine hervorragende Vertiefung dieser Fragestellung bietet das Buch "Bild und Betrach- ter" von Günther Kebeck).
Darüber hinaus verarbeiten wir beim Erleben eines Kunstwerkes auch immer unsere persönlichen Erfahrungen.
Deshalb stellt sich die Frage, ob wir überhaupt davon ausgehen können, dass jeder Betrachter
in einem Kunstwerk – insbesondere, wenn es durch seine Gestaltung Interpretationsspielraum zulässt – das Gleiche sieht ?
Denn neben den sehr unterschiedlichen persönlichen Lebenserfahrungen ist uns auch spätestens seit der industriellen Revolution ein gemeinsames Bild des Lebens verloren gegangen. Nicht einmal in der selben Generation ist heute noch die Rezeption eines homogenen Lebens- gefühles sichtbar.

 

Und so erleben wir als logische Konsequenz daraus, dass heute eine kaum noch übersehbare Vielfalt künstlerischer Ergebnisse nebeneinander existieren und in Galerien, auf Messen und im Internet angeboten werden.
In dieser Vielfalt ist eine Tendenz zu immer "lauteren", immer noch spektakuläreren Werken, die auch die letzten Tabus brechen wollen, zu er- kennen. Getrieben von dem Ziel in einem überbor- denden Angebot des Kunstmarktes überhaupt noch wahrgenommen zu werden. So werden heute hochgehandelte Namen des Kunstbetriebes auch schnell wieder vergessen, Kunstmoden sind genauso schnelllebig geworden, wie die Mode- branche selbst.
Dass diese Entwicklung dem Auftrag und der Stellung in der Gesellschaft nicht angemessen ist, braucht nicht besonders erwähnt zu werden.
"Als ordnendes, zusammenfassendes, reinigendes Organ der Menschheit ist die Kunst ein wesentlicher Maßstab für die Kultur, fast ihr Gestalt gewordener Ausdruck" hat es Julius Meier-Graefe in seinem Standardwerk " Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst" formuliert. Die Selbstreini- gungskräfte der Kunst scheinen immer noch zu wirken, denn das, was nach einigen Jahrzehnten bleibt, hat dann auch lange Bestand und wird zum Maßstab der Kunst dieser Zeit.
Deswegen sollten wir uns nicht von vordergrün- digen visuellen Reizen mancher aktueller Kunst- werke beeindrucken lassen, sondern sorgfältig prüfen, ob das Werk auch noch nach Jahren Substanz verspricht und uns ganz persönlich berühren kann.
Nur dann ist es wert, erworben zu werden und wird einen festen Platz im eigenen Leben einnehmen und bei jeder Anschauung wird der Betrachter spüren, wie die Kunst über sein Auge in ihm selbst immer wieder neu entsteht.